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Man fährt am alten Flughafen in Hannover an Lackiererei und Autohaus vorbei, schaut kurz nach rechts – und tritt auf die Bremse. Zwischen Transportern und Vorführwagen steht ein tiefschwarzer amerikanischer Straßenkreuzer, und auf seinem Heck thront ein vergoldeter Tempel. Geschnitztes Dach, Drachen an den Seitenwänden, Gold, so weit das Auge reicht. So ein Auto sieht man nicht alle Tage. Und es ist genau das, wonach es aussieht: ein japanischer Leichenwagen, der irgendwie den halben Globus überquert hat und jetzt in einem Gewerbegebiet in Niedersachsen parkt.
Ein Tempel auf Rädern
In Japan heißt so ein Fahrzeug Miyagata Reikyūsha, übersetzt etwa „Palast-Leichenwagen“. Der Aufbau ist ein maßstäblich verkleinerter buddhistischer Tempel, gebaut aus geschnitztem und mit Blattgold überzogenem Holz. Er sitzt auf dem Heck wie ein Dach auf einem Schrein, und darunter liegt die Kammer für den Sarg. Die Idee dahinter ist schlicht und schön zugleich: Der letzte Weg des Verstorbenen soll würdig sein und sichtbar.

Wer genauer hinsieht, entdeckt, wie viel Arbeit in dem Aufbau steckt. Am Fahrzeug lassen sich unter anderem erkennen:
- ein doppelt geschwungenes Tempeldach mit nachgebildeten Ziegelreihen
- Drachen in Wolken- und Wellenmotiven an den Seitenwänden
- Phönixe über dem vorderen Dachgiebel
- gedrechselte Säulen und Geländer rund um die Sargkammer
- seitlich zu öffnende Klappen für das Ein- und Ausladen

Handwerk, das gerade verschwindet
Solche Wagen werden selten, und das hat mehrere Gründe. Der Aufbau ist reine Handarbeit und entsprechend teuer. Vor allem aber hat sich der Geschmack gedreht: Viele japanische Krematorien lassen die auffälligen Fahrzeuge aus Rücksicht auf Anwohner gar nicht mehr auf ihr Gelände. Schlichte, geschlossene Leichenwagen haben die Prachtstücke weitgehend verdrängt. Wer heute noch einen fahrenden Tempel sehen will, findet ihn eher bei Sammlern im Ausland als vor einer Trauerhalle in Tokio – und manchmal eben auf einem Parkstreifen in Hannover.
Und darunter steckt ein Cadillac
Das Fahrzeug unter dem Gold ist ein Cadillac Brougham, gebaut 1992 im Werk Arlington in Texas. Am hinteren Kotflügel steht der Schriftzug „Brougham d’Elegance“, die Topausstattung der Baureihe. Es war zugleich das letzte Modelljahr: Danach lief der Brougham aus, und mit ihm eine ganze Ära amerikanischer Straßenkreuzer mit Leiterrahmen und großem Achtzylinder.
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Basisfahrzeug | Cadillac Brougham d’Elegance |
| Baujahr | 1992, letztes Modelljahr der Baureihe |
| Montagewerk | Arlington, Texas |
| Motor | 5,7-Liter-V8, 350 Kubikzoll |
| Aufbau | Miyagata Reikyūsha, vergoldetes Holz |
| Herkunft des Aufbaus | Japan, Präfektur Iwate |
Dass ausgerechnet ein amerikanischer Wagen die Basis bildet, ist kein Zufall. Die japanischen Karosseriebauer brauchten einen langen, tragfähigen Rahmen mit viel Überhang hinter der Hinterachse. Cadillac, Lincoln und der Toyota Century waren über Jahrzehnte die üblichen Spenderfahrzeuge – große, ruhige Autos, die das Gewicht des Aufbaus klaglos tragen.
Der Schriftzug verrät den Vorbesitzer
An der Flanke steht ein Schriftzug in fernöstlichen Zeichen, den viele spontan für Chinesisch halten. Es ist Japanisch, und er läuft in der traditionellen Schreibrichtung von rechts nach links – deshalb wirkt er auf den ersten Blick verdreht. Übersetzt nennt er den Namen eines Bestattungsunternehmens: „Hayachine Bestattungen“, benannt nach einem heiligen Berg in der Präfektur Iwate im Norden Japans.
Das Unternehmen gibt es wirklich, es sitzt in der Stadt Hanamaki. Der Wagen ist also kein Nachbau und keine Kulisse, sondern hat im Dienst gestanden, bevor er nach Europa kam. Am Heck hängt inzwischen ein britisches Kennzeichen – für Importfahrzeuge vergibt die Behörde in Großbritannien ein Kennzeichen, dessen Buchstabe zum Alter des Fahrzeugs passt. Hier steht er für die Jahre 1991 und 1992 und deckt sich damit genau mit dem Baujahr.
Was es bräuchte, damit er hier heimisch wird
Wer einen solchen Wagen dauerhaft in Deutschland bewegen möchte, geht drei Schritte:
- Einzelabnahme des Aufbaus, weil ein Tempel auf dem Heck keine deutsche Typgenehmigung besitzt.
- Oldtimergutachten, in dem ein Sachverständiger Erhaltungszustand und Originalität beurteilt.
- Hauptuntersuchung und Zulassung bei der Behörde.
Und ausgerechnet der spektakuläre Aufbau wäre dabei ein Pluspunkt. Veränderungen an einem Oldtimer gelten als zeitgenössisch, wenn sie in den ersten zehn Jahren nach Erstzulassung üblich waren. Ein japanischer Tempelaufbau aus den Neunzigern auf einem Fahrzeug von 1992 ist genau das: keine Verfälschung, sondern ein Stück Fahrzeuggeschichte. Der Wagen hat die Dreißigjahresgrenze längst überschritten – dem H-Kennzeichen stünde also wenig im Weg.
Fazit
Zwischen Werkstatthallen und Vorführwagen steht ein Stück japanischer Bestattungskultur auf amerikanischem Fahrwerk, vermutlich über Großbritannien nach Niedersachsen gekommen. Ein Fahrzeug, das in seiner Heimat aus der Mode gekommen ist und hier jeden anhalten lässt, der zufällig vorbeifährt. Manchmal ist die schönste Geschichte am Straßenrand einfach die, dass da etwas steht, das man noch nie gesehen hat.


















































